Wolokolamsker Chaussee, Müller
Татарский государственный Академический театр им. Г.Камала, Kasan, Russland

"Geschlagen werden wir nicht von den Panzern,
Von keinem Flugzeug oder Bombenteppich.
Was uns schlägt ist der General, der Angst heißt.
Und nur wenn wir ihn schlagen, siegen wir."

Drei Fragen an den Regisseur Andreas Merz-Raykov :

1. In Bezug auf das gewählte Material: Warum haben Sie das Stück von Heiner Müller vorgeschlagen, und weshalb wählten Sie für Ihre Inszenierung genau diesen Raum?
Oleg Lojewski bot uns, mir und meiner Frau Ekaterina, meine Assistentin und Übersetzerin, an am Theater-Labor in Kasan teilzunehmen und schickte uns Bilder der vier zur Auswahl stehenden nicht-theatralen Räume. Als ich das Foto von dem verlassenen Hangar gesehen habe, war ich sofort interessiert an dem speziellen Charakter des Raumes – der Geist einer Vergangenheit, der noch immer in unser Heute ausstrahlt. Auch war für mich die Frage sehr spannend, was für eine Art von Theater ein solcher Raum fordert – allein schon auf Grund seiner Größe und der akustischen Eigenschaften. Der Hangar schien mir ein sehr geeigneter Ort, um meine Arbeit mit dem epischen Theater Brechts, die ich in Russland bereits in Saratow und in Perm begonnen habe, weiterzuführen.
Heiner Müller ist vielleicht der wichtigste Theaterautor der DDR und des wiedervereinigten Deutschlands der 90er Jahre. In seinem Werk setzte er die Arbeit Brechts am Modell des Lehrstücks fort und entwickelte die Idee in seinem Sinne weiter. Die Stücke dieses Autors sind bekannt für ihr hohes Maß an Komplexität und Poesie. In den späten 1980er Jahren schrieb Müller, inspiriert von Alexander Beks gleichnamiger Novelle, das Stück Wolokolamsker Chaussee. In diesem Text setzt sich Müller mit der Geschichte der DDR auseinander, deren baldiges Ende er damals bereits antizipierte; und für Müller begann diese Geschichte in den russischen Wäldern, bei der Verteidigung Moskaus vor der Wehrmacht im Winter 1941. Die ersten beiden der insgesamt fünf Teile von Wolokolamsker Chaussee beschäftigen sich mit diesem Moment der Zeitgeschichte. Meine Wahl von Müllers Stück für das Theater-Labor ist also nicht nur eine formale Entscheidung für eine spezielle Theaterästhetik, sondern auch eine inhaltliche Entscheidung für eine Auseinandersetzung mit einem äußerst prägenden Punkt sowohl in der russischen, als auch in der deutschen Geschichte.

2. Wie haben Sie auf die Idee, an einem Theater-Labor in Kasan teilzunehmen, reagiert? Und was sind für Sie die Besonderheiten an diesem Projekt?
Wir freuen uns sehr auf die bevorstehende Inszenierung in Kasan, vor allem auch, wegen der Möglichkeit mit den Schauspielern des Kamal Theaters in tatarischer Sprache zu arbeiten. Ich habe bereits mehrere Male in Russland gearbeitet und mich dadurch auch daran gewöhnt – mit der Hilfe meiner Frau natürlich – auf Russisch zu inszenieren. Jetzt wieder außerhalb dieser und auch meiner eigenen Sprache zu arbeiten, bedeutet für mich an einen absoluten Nullpunkt zurück zu kehren, in kurzer Zeit eine komplett neue Sprache erfahren und kennenlernen zu müssen – ihre Melodie, ihren Klang und ihre Struktur. Das ist natürlich ein riskantes Abenteuer. Aber genau deshalb kann unser Projekt eine besonders wertvolle Erfahrung sein – für mich und die Schauspieler – weil wir nicht in der Lage sein werden, uns einfach auf das zurückzuziehen, was wir bereits haben, dorthin wo wir uns sicher fühlen, sondern im Gegenteil uns wirklich auf einander zu bewegen müssen, um einander zu verstehen, um gemeinsam etwas wirklich Neues zu entwickeln.

3. Wie fühlen Sie sich angesichts der Idee des Theater-Labors, in einem Nicht-Theater-Raum zu inszenieren?
Meine ersten Produktionen außerhalb Deutschlands habe ich in Donezk und Odessa erarbeitet. Und beide diese Inszenierungen fanden nicht unter dem Dach eines Theatergebäudes statt, sondern wurden auf verschiedenen Straßen und Plätzen dieser Städte aufgeführt. So konnte ich also bereits schon etwas Erfahrung damit sammeln, außerhalb des "geschützten" Bereiches des Theaters zu arbeiten. Hier in Kasan wird unsere Aufgabe eine Mischung zwischen Straßen- und regulären Theater sein: da wir innerhalb der soliden vier Wände unseres Hangars spielen, wird es hier keine Passanten geben, die sich plötzlich unvermittelt in der Zuschauer- oder gar der Schauspieler-Rolle wiederfinden, dafür aber ist es eine unserer wichtigsten Aufgaben, den Charakter unseres Raumes, seine Struktur, in unsere Inszenierung einfließen zu lassen, unsere Geschichte konkret hier zu verankern und durch den speziellen Geist des Ortes zu bereichern.

Mit: Asgar Shakirov, Radik Bariev, Ramil Vaziev, Gulnaz Minkina, Oleg Kinzyagulov