Was Ihr wollt, Shakespeare
Красноярский ТЮЗ, Krasnojarsk, Russland

"Ich wollte, Sie wären so, wie ich Sie will."

Das Stück beginnt mit einem Schiffbruch. Gestrandet an der ihr unbekannten Küste Illyriens und voller Trauer um ihren scheinbar ertrunkenen Zwillingsbruder Sebastian, verkleidet sich Viola zu ihrem Schutz als Mann und tritt in die Dienste des Herzogs Orsino. Als Überbringer seiner Leidenschaft soll sie ihm das Herz der schönen Gräfin Olivia gewinnen – und tut das auch; leider aber nicht für den Herzog, sondern ungewollterweise für sich selbst. Olivia verliebt sich Hals über Kopf in den fremdartigen Jüngling Cesario, alias Viola, die sich ihrerseits bereits unsterblich in Orsino verliebt hat. Aufgelöst werden kann dieses Liebesknäuel erst durch das Auftreten des verschollenen Zwillingsbruders Sebastian; und doch hinterlässt der Liebesrausch bei allen Beteiligten eine gehörige Katerstimmung.

In Shakespeares Festkomödie „Was Ihr wollt“ werden die Geschlechterrollen und damit die soziale Hierarchie wild durcheinandergewürfelt. Der eigentliche Stücktitel „Die zwölfte Nacht“ bezieht sich genau auf das: den Höhepunkt des elisabethanischen Karnevalstreibens in den Tagen nach Weihnachten. Die traditionelle Ordnung wird aufgelöst, Frauen tragen Männerkleidung, Herren bedienen ihre Knechte – ein Rauschzustand, ein ungestümes Ausleben aller Leidenschaften, bevor am nächsten Morgen alles und jeder wieder an dem ihm zugedachten Platz stehen muss.

Leidenschaft ist einer der zentralen Handlungsmotoren in der Welt des Stückes; ein schier unstillbares Verlangen der Figuren zu lieben und geliebt zu werden. Doch ist diese Leidenschaft fast immer narzisstisch, ausschließlich auf sich selbst bezogen. Liebe ist in Shakespeares Illyrien kein selbstloses Gefühl für einen anderen Menschen, sondern ganz im Gegenteil, der egoistische Wunsch, sich durch einen Anderen selbst zu komplettieren, notfalls auch gegen dessen Interessen. Liebeswerben wird hier zum Eroberungsfeldzug; der Widerstand des Anderen muss durchbrochen, muss überwunden werden.

Diese selbstsüchtige Vorstellung von Liebe, der vor allem Orsino und Olivia verfallen sind, spricht von einer großen, grundlegenden Unzufriedenheit und Einsamkeit. Die Welt scheint nicht in der Lage zu sein, die Figuren gänzlich auszufüllen. In Illyrien wird weder gearbeitet noch Politik getrieben, hier gibt man sich ausschließlich den eigenen Leidenschaft hin; doch diese scheinen erstarrt – mehr Pose als lebendiges Gefühl. Bewegung kommt in das Konstrukt erst mit dem Auftreten Violas, denn sie vermag es sowohl Orsino als auch Olivia aus dem Elfenbeinturm ihrer Selbstbespiegelung herauszureißen.

Die Anziehung, die beide für Cesario, alias Viola empfinden, findet außerhalb ihrer spröden Idealvorstellungen von Liebe statt. Sie ist etwas so feines, dass sich Orsino nicht einmal bewusst darüber zu werden scheint und doch kann er sich ihrem Bann nicht entziehen. Seine Zuneigung für Viola lebt aus dem Augenblick, ganz im Gegensatz zu seiner vermeintlichen Liebe für Olivia, die vielmehr einer Idee entsprungen zu sein scheint, als einem unmittelbaren Gefühl. Violas Erscheinen weicht die starren Posen von Begehren und Verweigerung auf und stürzt Illyrien in ein vor Vitalität und Leidenschaft strotzendes Chaos – zumindest bis die zwölfte Nacht sich ihrem Ende zuneigt und der Rausch der Ordnung weichen muss.

Mit: Elena Kayzer, Olga Buyanova, Victor Buyanov, Alexander Dyakonov, Vladimir Myasnikov, Anatoly Puzikov, Sawwa Revich, Anatoly Kobelkov, Angelica Zolotareva, Wjatscheslaw Ferapontov, Alexander Tscherkassov, Akim Bislimov

Bühne und Kostüme: Nadezhda Osipova
Übersetzung: Ekaterina Raykova-Merz