Sweet bird of youth, Williams
Новосибирский Академический Молодёжный Театр Глобус, Novosibirsk, Russland

„Was die Menschen in dieser Welt voneinander unterscheidet, ist nicht der Unterschied zwischen arm und reich, oder gut und böse; der größte Unterschied ist der zwischen denen, die Freude an der Liebe haben und denen, die diese Freude nie kennenlernen werden und nur krank vor Neid zusehen können.“

Wie „A streetcat named desire“ beschreibt auch „Sweet bird of youth“ ein eklatantes Gefälle zwischen dem Leben, das sich die Protagonisten erträumen, und ihrer bloßen „entzauberten“ Existenz. Auch hier werden die Figuren erbarmungslos auf ihre nackte Wahrheit zurückgeworfen und reduziert. Auch hier wird ihnen ein erschreckend ernüchternder Blick in den Spiegel abverlangt. Doch während Blanche Du Bois und Stanley Kowalski ihre Energien noch darauf verwenden, die Masken ihrer scheinbaren Unantastbarkeit aufrechtzuerhalten, befinden sich die Figuren in „Sweet bird of youth“ bereits im offenen Kampf um ihre Existenz.

Wie mit der Brechstange versucht Chance Wayne, ein ewig-unvollendetes Schauspiel-Talent, dem der Durchbruch nicht vergönnt war, das Schicksal für sich doch noch zum Guten zu wenden. Sein Faustpfand für eine bessere Zukunft sieht er in Alexandra Del Lago, der Prinzessin Kosmonopolis, einer in die Jahre gekommenen Filmdiva, die aus Panik vor dem möglichen Misserfolg aus der Premiere ihres eigenen Leinwand-Comebacks getürmt ist. Sie soll ihm die Türen in Hollywood öffnen, an denen er sich so lange vergeblich „die Knöchel blutig geklopft“ hat. Leider aber hat die Prinzessin kaum mehr Interesse an ihrem Reisebegleiter, als dass es der Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse dient. Er ist ihr Chauffeur und Liebhaber auf einer Flucht in das Vergessen, der Begleiter auf ihren Sauf- und Drogen-Exzessen.

„Sweet bird of youth“ zeigt den American Dream als ausgehöhltes, leeres Glücksversprechen. Der Traum vom Aufstieg des Tellerwäschers zum Millionär und der Albtraum vom möglichen Absturz ist die eigentliche Droge in Tennessee Williams Stück. Er wirkt wie eine Krankheit, die es den Protagonisten unmöglich macht, sich selbst und einander zu erkennen. Dabei ist das eigentlich Schockierende gar nicht, dass der Traum nie Wirklichkeit werden kann, sondern vielmehr dass er Grundlage ist für eine allumfassende Ausbeutung, der sich die Figuren freiwillig mit größter Bereitschaft hingeben, bis ihre Körper und Seelen verbraucht und ausgebrannt sind.

Dominiert wird der Kosmos des Stückes von der Figur des Politikers Boss Finlay, der mit autokratischen Methoden dafür sorgt, dass die Macht niemals seinen Händen entgleitet. Er steht Sinnbildlich für die Doppelmoral, die dieses System auszeichnet: einerseits alles zu versprechen und andererseits nichts zu geben, sondern Macht und Besitz genau denen zu sichern, die sie schon immer inne hatten. Er ist damit der Prototyp eines populistischen Politikers, der es versteht die Ängste und den Zorn der Massen für sich nutzbar zu machen.

Mit: Maxim Guralevich, Svetlana Galkina, Evgeniy Vazhenin, Maria Soboleva, Aleksey Kuczynski, Irina Nahaeva, Vladimir Derbentsev, Vyacheslav Kimaev, Natalia Tishchenko, Arthur Simonyan, Andrey Wolf, Ekaterina Bobrova, Nikita Zaitsev, Niyaz Ospanbaev

Bühne und Kostüme: Nadezhda Osipova
Übersetzung: Ekaterina Raykova-Merz