Der Schneesturm, Puschkin
Норильский Заполярный театр драмы им. Вл. Маяковского, Norilsk, Russland

"Oh! Mascha sagt: Oh!"

In dem Moment, in dem Marya Gavrilovna dabei ist, den vielleicht größten Fehler ihres Lebens zu begehen, und gegen den Willen der Eltern in einer abgelegenen Dorfkirche ihren Geliebten Volodya zu heiraten, schickt Puschkin einen Schneesturm, um das Schicksal seiner leichtsinnigen Protagonistin doch noch zu korrigieren. Der herannahende Bräutigam wird von der Straße geblasen und kann den verabredeten Ort nicht vor dem Morgengrauen erreichen – dann ist es aber schon zu spät, denn mittlerweile ist schon ein anderer Jüngling in die Kirche geweht worden, der die vor Sorge in Ohnmacht gefallene Mascha – sozusagen versehentlich – zur Frau genommen hat.

Und obwohl es sich bei dem Fremden um die ihr vom Schicksal zugedachte große Liebe handelt, bleibt Mascha das Happy End für drei weitere Jahre verwehrt. Dann erst nämlich kann sie den ihr bis dahin fremden Ehemann in die Arme schließen, denn dieser hatte sich im Schock über die eigene Courage zunächst aus dem Staub gemacht – und dank Schneesturm die unbekannte Braut aus den Augen verloren. Dem jungen Paar bleibt also nichts weiter übrig, als sich drei Jahre später zufällig auf einem Ball wieder über den Weg zu laufen, sich dort unsterblich in einander zu verlieben und im Geständnis der Unmöglichkeit dieser Liebe (schließlich ist man bereits verheiratet – wenn auch mit Unbekannt), sich als Mann und Frau zu erkennen und in die Arme zu schließen.

Puschkins „Schneesturm“ ist aber weder Lob des Schicksals, noch romantisches Wintermärchen, sondern ironische Abrechnung mit den Liebesromanen seiner Zeit. Eben jenen, die auch seine Protagonistin zu Beginn der Erzählung in die quasi romantische Sehnsuchtstat treiben, Elternhaus und Kindheit zurückzulassen, um sich gegen die eigenen Zweifel, Hals über Kopf, mit ihrer Sommerliebelei zu verheiraten. Schicksal tritt hier in erster Linie nicht als korrigierende Kraft auf, sondern vor allem als Alibi, dem sich die Protagonistin blindwütig in die Arme wirft – als romantische Utopie, der sie die Verantwortung für das eigene Tun opfert.

Mit: Anna Bogomolova, Elena Kuzmenko, Sergey Rebriy, Yulia Novikova, Denis Chaynikov, Oleg Kornylev, Sergey Igolnikov