Orpheus steigt herab, Williams
Омский академический театр драмы, Omsk, Russland

„Was zum Teufel kann man auf dieser Welt sonst tun, als nach allem zu greifen, was einem nahe kommt, mit beiden Händen, bis einem die Finger brechen...“

„Ich wusste in meinem Herzen, dass jemand kommen und mich hinausführen würde aus dieser Hölle. Und du bist gekommen“, sagt die Lady Torrance in Orpheus steigt herab zu Val. Tennessee Williams hat den titelgebenden antiken Mythos für sein emotionales Drama um einen wilden, unangepassten Ausreißer und die Frau eines Ladenbesitzers in eine abgelegene Kleinstadt in den Südstaaten Amerikas verlegt. Sie ist die Unterwelt, in die Williams' Orpheus hinabsteigt, um Eurydike zurück ins Leben zu holen.

Trotz seines sprechenden Namens, ist sich Valentine Xavier seiner Retter-Rolle aber nicht bewusst, auch sträubt er sich dagegen, sie anzunehmen. Vielmehr ist es Lady Torrance, die in ihm zunehmend den einzigen Ausweg aus der Hölle ihrer bisherigen Existenz zu erkennen glaubt und sich daher immer stärker an ihn klammert – solange bis ihre Liebe zur Schlinge wird, die Val gemeinsam mit ihr in den Tod reißt.

Williams zeichnet das Bild einer fremdenfeindlichen, von Stumpfsinn, Brutalität und Hoffnungslosigkeit regierten Gesellschaft. Es ist der Hass, das Verlangen nach Genugtuung und Rache, das die Bewohner dieses Kosmos fest in seinen Klauen hält, und ihnen den Blick auf ein womöglich besseres Leben verstellt. Wie lässt sich an die Zukunft denken, wenn die Rechnungen der Vergangenheit noch nicht beglichen sind? Williams Unterwelt ist ein Ort, an den sich die Gefangenen selber ketten, ein Ort, den man leicht verlassen könnte, wenn man nur einen Weg fände, den eigenen Hass zu überwinden.

"Ich habe nur ein großes Thema für alles, was ich schreibe, und das ist der zerstörerische Einfluss der Gesellschaft auf das sensible, unangepasste Individuum" – in seinem 1957 am Broadway uraufgeführten Drama Orpheus steigt herab untersucht Tennessee Williams die Ursprünge der Bosheit, die die Gesellschaft von innen heraus zerfrisst und fragt, ob der Weg zurück ins Paradies tatsächlich für immer verstellt ist.

Mit: N.N.

Bühne: Femistokl Atmadzas
Kostüme: Olga Atmadzas
Übersetzung: Ekaterina Raykova-Merz