Diener zweier Herren, Goldoni
Staatstheater Darmstadt, Darmstadt, Deutschland

„Die Welt ist ein wunderschönes Buch, doch ohne Nutzen, wenn man nicht lesen kann und nichts zu fressen hat.“

Goldoni schrieb das Szenario zu „Diener zweier Herren“ als Auftragswerk, angeregt durch den berühmten Arlecchino- bzw. Truffaldino-Darsteller Antonio Sacchi für dessen Schauspiel-Truppe. Er schrieb es nachts, während er tagsüber in Pisa als Anwalt arbeitete. Im Grunde erscheint die Handlung tragisch. Man fühlt sich an Shakespeare erinnert: Es gibt eine verbotene Liebe zwischen Beatrice und Florindo. Der Bruder des Mädchens wird ermordet – der Geliebte muss aus der Stadt fliehen, sie liebt ihn dennoch... Doch der Motor der Handlung scheint bei Goldoni weniger die Liebe als vielmehr Truffaldinos Hunger zu sein. Die Nebenhandlung droht, den eigentlichen Hauptkonflikt der „Amorosi“, der Liebenden (der Tradition gemäß jeweils ein jüngeres und älteres Liebespaar, ohne Masken) zu dominieren. Dabei ist dieser Hunger eher ein komischer als realer Hunger. Der darbende Diener gleicht einem Comic-Charakter wie Obelix, wodurch es dem Publikum erlaubt, zu lachen. Der Unterschied zum Drama des aufklärerischen 18. Jahrhunderts nach der Gottschedschen Theaterreform ist klar. Die Figurenzeichnung ist übertrieben. Kein Diener wie Truffaldino würde jemals beide Anstellungen behalten.

Nähern wir uns der Komödie einmal ex negativo aus dem Geist der Tragödie und stellen uns ein bürgerliches Trauerspiel, beispielsweise einen typischen Lessing vor: „Emilia Galotti“ beginnt mit den Worten: „Seht, was ich heute Morgen erbrochen habe.“ Der Prinz spricht hier keineswegs über Magenprobleme, sondern über einen Brief, den er bekommen hat. Natürlich tritt ein Diener, ein Bote auf, sagt: „Ein Brief für Sie“, übergibt den Brief, geht wieder ab und ist ,abgespielt‘. Handelte es sich bei Goldonis „Il servitore di due padroni“ um eine Tragödie, wäre es genauso.

Doch die Diener hier, die die Briefe übergeben oder auch öffnen und mit Brot versiegeln, reißen Aufmerksamkeit massiv an sich, mehr oder weniger freiwillig, weil sie ihren eigenen Interessen folgen. So ist der Hunger für Truffaldino zum Beispiel ein viel wichtiges Problem, als es die Probleme seiner Herren sind. Damit findet auch für das Publikum eine Verschiebung im Blick auf die Figuren-Ensemble und auf die Themen in der Gesellschaft statt. Wird dieses Stück dann dadurch nicht fast sozialrevolutionär? Denn wir sehen eben nicht (wie in den meisten Dramen der Epoche): Wichtig sind die hohen Stände und der Geldadel, unwichtig ist der Pöbel, sondern sie sind gleich wichtig. Auch dadurch, dass sich die Diener-Figuren ganz unverschämt Bühnenzeit stehlen. Über komisch gespielte Auftritte reißen sie die Handlung an sich und befördern die Handlung dadurch auch. So produziert zum Beispiel die Szene der Briefverwechslung einen ganz neuen Plot. Den gäbe es nicht, wenn Truffaldino einfach sagte: „Das ist ihr Brief “. Diese Verschiebung auf die dienenden Figuren ist interessant.

Das Stück entwickelt sich nicht im großen Bogen, sondern von Szene zu Szene, eben so, wie auch Truffaldino von der Hand in den Mund lebt und nicht plant, was morgen sein wird. Er denkt nur daran, dass er jetzt Hunger hat. Die Handlung ist nicht tiefenpsychologisch. Man könnte sagen, dass das auch eine Qualität dieses Stückes ist. Der Bearbeiter des Goldoni-Stückes, dessen Bearbeitung wir in Darmstadt wiederum bearbeitet haben, Martin Heckmanns, schrieb im Programmheft zur Dresdner Uraufführung: „Als Marionetten gewinnen die Figuren Leichtigkeit. An ihrem Innenleben sind sie – zu ihrem eigenen Glück – nicht besonders interessiert. Der heutige Zuschauer kann sich wundern, dass es das einmal gegeben haben soll: Lust ohne Selbstbespiegelung.“ Der Dramatiker Heckmanns nimmt hier auch einen Gedanken des Soziologen Alain Ehrenberg auf: „Der Depressive ist erschöpft von der Anstrengung, er selbst werden zu müssen.“

Heckmanns schlussfolgert: „Gegen ‚die Depression und den Terror der Intimität‘, der unsere Zeit der Ich-Besessenheit und der Intim-Performance beherrscht, empfehlen wir [...] Goldoni.“ Kann Entspannung ohne permanente Projektion des eigenen Ich also ein Moment der Gegenwehr im Turbokapitalismus, gegen die permanente Selbstausbeutung sein? Sicher ist: Das Leben wie auch das Theater dreht sich enorm um Identität. Für viele Menschen bedeutet es eine irrsinnige Anstrengung, sie selbst werden zu müssen. Man kann den ganzen Tag daran arbeiten, Jemand werden zu wollen. Diese Komödien-Figuren sind anders. Sie wissen, wer sie sind und handeln ganz direkt, aktiv im Moment, sie leben im Augenblick. Das anzuschauen, kann – hoffentlich – für eine gewisse Befreiung und Entspannung sorgen. Ein Theater-Abend könnte den Zuschauenden so etwas geben, was sie vielleicht verloren haben bzw. das ihnen fehlt.

Auf der archetypischen Ebene ist das Stück absolut verständlich. Stets aktuell ist das Typenhafte der Figuren. Denn diese Unterdrückungsverhältnisse, die kennt man. Dabei ist es nicht unbedingt eine menschliche Logik, die hier vorherrscht. Es ist menschlich zitierte Logik zu sehen, das ist Mensch plus X: Als würde die Figur sich selber parodieren. Klischees durchspielen zu können: Das ist eine Befreiung! Gerade über die Typisierung gewinnt dieses Material an Reiz. Zwar sehen wir Figuren, die denken, allerdings nicht so wie Menschen denken. Diese typisierten Figuren haben ihre eigene Logik; sie ist einfach, verständlich und gesetzt. Gerade die Klischees erlauben, sich heiß zu spielen und das Spielen per se zu genießen. Denn die Figuren vermeiden nicht die Konflikte. Sie
haben Instinkte, wollen Rache oder haben das Bedürfnis voll und ganz sentimental zu sein. Weniger aus Boshaftigkeit als aus Grundnaivität. Sie scheinen dem Diktat ihrer Instinkte unterworfen - einem dritten Herrn, so zu sagen, dem Truffaldino ebenfalls dienen muss, seinem eigenen Körper.

Karoline Hoefer und Andreas Merz-Raykov

Mit: Robert Lang, Judith Niederkofler, Mathias Znidarec, Jörg Zirnstein, Erwin Aljukic, Katharina Hintzen, Hans-Christian Hegewald, Alisa Kunina

Bühne: Jan-Hendrik Neidert
Kostüme: Lorena Díaz Stephens
Dramaturgie: Karoline Hoefer

Fotos: Nils Heck