Foto: Verena Edel

Der Käfer - Die Verwandlung, Franz Kafka
Heimathafen Neukölln, Berlin

"Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt..."

Franz Kafkas Literaturklassiker „Die Verwandlung“ und das Volkstheater Heimathafen Neukölln – geht das zusammen? Ja, denn der Plot der berühmten Erzählung ist Volkstheater par excellance. Wenn Gregor Samsa eines Morgens statt als Handelsreisender plötzlich als Käfer in seinem Bett aufwacht, dann hängt der Haussegen bei Familie Samsa natürlich kräftig schief und Vater Hermann ist simply not amused: Mit 6 Beinen und 2 Fühlern kann Gregor unmöglich weiter die Brötchen für alle verdienen, wie er es in den letzten fünf Jahren gemacht hat, und hat gar keine andere Wahl, als zu Hause auf - oder besser gesagt - unter dem Sofa liegen zu bleiben. So sehen sich Vater, Mutter und auch die musikalisch ach so begabte Schwester unversehens gezwungen, selbst für den eigenen Lebensunterhalt aufzukommen. Und das bedeutet eine ganze Menge Unterhaltung – denn wenn man „Die Verwandlung“ einmal aus dem Prager Regen der 1920er herausholt, steckt in Kafkas Text ein unglaublich bissiger Humor, jede Menge Slapstick und eine bis unter die Haut aufgeladene Familiendynamik.

Der Heimathafen Neukölln hat es sich zur Aufgabe gesetzt, sich den brennenden Themen des Stadtbezirkes Neukölln zu widmen. In seiner neuen Produktion "Der Käfer" ergreift er Partei für alle diejenigen, die beim allgemeinen Tüchtigkeitswetteifern nicht (mehr) mitmachen können, wollen oder schlicht weg nicht durften. Nichts wird landauf landab in Talkshows und an Stammtischen mehr verachtet als Leute die, die sich auf Kosten des Steuerzahlers ein angeblich schönes Leben machen – warum eigentlich? "Der Käfer" am Heimathafen Neukölln – ein Abend über Parasiten und Wirte und das das Biotop, in dem sie gedeihen. Mit der Schärfe, die dem Thema angemessen ist, und der Wärme, die das Kieztheater in der Karl-Marx-Straße auszeichnet.

Mit: Alexander Ebeert, Bärbel Bolle, Sascha Ö. Soydan, Frank Büttner und der Berliner Spätlese

Bühne und Kostüme: José Luna
Musik: Felix Raffel
Dramaturgie: Julia von Schacky

www.heimathafen-neukoelln.de


Pressestimmen:

Der Tagesspiegel, 14.09.2013
Samsas Glück - „Der Käfer“ im Heimathafen Neukölln
Im Heimathafen Neukölln inszeniert Andreas Merz-Raykov die „Verwandlung“ unter dem Titel „Der Käfer“ - und hat seinen Kafka offensichtlich so gut gelesen, dass das sogar grotesk-komisch werden kann.
Man kann Gregor Samsa glücklich nennen. Sicher, der Mann findet sich eines Morgens zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Aber das Leben mit Fühlern und Panzer hat auch Vorteile. Als 85-Kilo-Käfer kann der gebeugte Außendienstmitarbeiter aus der Tretmühle seiner Lohnsklaven-Fron ausbrechen. Muss nicht mehr zu unchristlicher Zeit im Zug „in die abgekämpften Gesichter der anderen Idioten lächeln“. Gregor stand als Alleinernährer seiner Familie unter gewaltigem Druck. Ein klarer Fall von Burnout. Erst als Insekt blüht er wieder auf.
Am Heimathafen Neukölln liest Regisseur Andreas Merz-Raykov Kafkas „Verwandlung“ unter dem Titel „Der Käfer“ als Parabel auf die schöne neue Arbeitswelt nebst ihrer Kollateral-Krankheiten und Mode-Diagnosen.
Im Studio des Theaters an der Karl-Marx-Straße spielt sich die Geschichte einer Metamorphose als überschießende, hochkomische Kapitalismusfarce ab. José Luna hat eine schräg-schöne, drehbare Bühne gebaut, die auf der einen Seite die Küche der Familie Samsa ist. Eine kitschig-prollige Resopalhölle nebst Pudelportrait. Und auf der anderen Seite das Kinderzimmer des Textilmessevertreters Gregor, gespielt von Alexander Ebeert, der frisch verwandelt „I will survive“ zur Klavierbegleitung von Felix Raffel schmettert. Die neue musische Seite an Käfer-Gregor geht vor allem dem Vater (Frank Büttner) schwer gegen den Strich. Schwester Grete (Sascha Ö. Soydan) unterstellt dem krabbelnden Bruder einen „Boreout“, krankhafte Unterforderung, und liest ihm die Leviten: „Gregor, das ist Jammern auf hohem Niveau.“
Zu spät. Ein Stepptanz-Trio älterer Damen („The Käferettes“) ist dem Arbeitsunwilligen erschienen, hat ihn marxistisch indoktriniert und ihm das Leben in der sozialen Hängematte schmackhaft gemacht: „Du musst die Wettkampflogik hinterfragen!“ Die Mutter (Bärbel Bolle) drückt ihre Solidarität mit dem Ton-Steine-Scherben-Klassiker „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ aus. Gregor folgt, schreibt Briefe an den Vater und überlegt, sich dem Nature Theater of Oklahoma anzuschließen. Der Junge hat seinen Kafka gelesen.
Wie auch Regisseur Merz-Raykov, der von der Vorlage gar nicht so weit abweichen muss, um zu seiner irrwitzigen Erzählung über Leistungsdiktat und prekäre Beschäftigungsverhältnisse zu gelangen. „Der Käfer“ ist ein durchweg toll gespielter, clever gebauter Abend. Und nebenbei eine lustige Selbstbespiegelung der freien Szene. Mit dem feinsinnigen Insekt, das seinen Lebensentwurf vor der Elterngeneration rechtfertigen muss, werden sich nicht wenige Performance-Künstler identifizieren können.

Patrick Wildermann

Die junge Welt, 17.09.2013
Das Beschuldigungsgepolter - Zwischen Subproletariat, Kleinbürgerei und Anti-Autoritarismus: »Der Käfer« nach Franz Kafka im Heimathafen Berlin-Neukölln
Kafkas geniale Erzählung »Die Verwandlung« als ein Stück aufzuführen, das in der Familienküche spielt und aus der Sicht der anderen erzählt wird, ist eine gute Idee. Andreas Merz macht daraus im Heimathafen in Berlin-Neukölln »Der Käfer. Ein Stück über Burnout, Bore­out und anderes Ungeziefer«.
Nach fünf Jahren anstrengenden Vertreterdaseins wacht der Tuchhändler Gregor Samsa bekanntlich eines Morgens als riesiges Insekt auf und wird dann von seiner Familie, die er bislang ernährt hat, so fertiggemacht, daß er entkräftet stirbt. Bei Merz wird daraus eine nachvollziehbare Verrücktheit, mit Depression, Halluzinationen und Verwahrlosung. Am Ende steht eine Art Messidasein als subtile Verweigerung gegenüber Autoritätszwängen.
Die Aufführung von »Der Käfer« ist der beste Beweis dafür, daß Kafkas Texte über die Jahrhunderte ihre Wirksamkeit noch steigern können. Es geht um das mühevolle Aufrechterhalten des Scheins von Ordnung und Gewißheit in Zeiten der Verzweiflung und Ohnmacht. Die sich zuspitzende ökonomische Krise, das Abrutschen der Mittelklasse ins Prekariat, mustergültig zu beoabachten in den neuen Pariastaaten innerhalb der EU, wird symptomatisch aufgearbeitet.
Im Heimathafen hat Merz ideale Spieler zusammenkommen lassen. Sogar ein Hund, Coco, gehört dazu, der das mal heiser-jammernde, mal alkoholisch aufgedonnerte Familiengeschrei, eine Mischung aus asthmatischer Hysterie und Beschuldigungsgepolter gelassen nimmt. Kostüme und Spielart machen aus den Schauspielern Neuköllner Anwohner zwischen Subproletariat und Kleinbürgerei.
Die Mutter, mit hochtoupierter Haarsprayfrisur über einem ältlich-geschminkten Gesicht, ist immer bedürftig, muß immer von der Tochter geführt werden und liebt ihren Sohn Gregor auf eine kitschig-besitzergreifend-vorwurfsvolle Weise. Der Vater ist groß, steif, cholerisch. Gregor, wenn er denn mal aus seinem hinter der Küche versteckten Kinderzimmer hinaustritt, im Schlafanzug, mit verwahrlostem Haar, Beulen und Versteifungen an Schultern und Rücken, spielt gekonnt gegen seine Familie mit dem hintergründigen Witz des »Verrückten«. Und wenn er sich als »der Herr Sohn« vor der vernichtenden Verbalgewalt des Vaters duckt, zitiert er aus dem gelben Reclamheftchen: Kafkas »Brief an den Vater«, doch das interessiert den Vater natürlich nicht.
»Die Verwandlung« wurde 1915 veröffentlicht. Hätte Kafka sich in all seinen Alpträumen vorzustellen vermocht, daß auch noch 100 Jahre später solche sinistren, brutalen Vaterfiguren jeden Tag aus den sozialen Verhältnissen neu entstehen? Von der sinnentleert entfremdeten Arbeit, die die Menschen knechtet und niederdrückt, einmal ganz zu schweigen. Ein modernes Stück, nicht ohne Humor.
Auch wenn Gregor schließlich in der sich selbst zerstörenden Verweigerungshandlung messihaft erstarrt und »ausgekehrt« wird, zeigt er doch eine Form von nicht weg zu therapierender Opposition, die auch nicht auf Kommando aufgelöst wird. Laßt uns alle Käfer sein, aber bitte schön Käfer, die fliegen können und die wissen, was sie wollen.

Anja Röhl

Berlin Poche, 23.09.2013
Der Käfer oder die Schädlingsbekämpfung
Aus Kafkas „Verwandlung“ macht Andreas Merz-Raykov ein Stück über den sozialen Untergrund und die Ablehnung von „Parasiten“, den Burnout-Opfern unserer Zeit. Hinter der vordergründigen schräg-burlesken Leichtigkeit artikuliert sich eine unerbittliche Abrechnung mit einem System, das die jungen Generationen dazu drängt, den Älteren nachzueifern, um nicht von ihnen verstoßen zu werden.
Gregor ist unglücklich. Im Büro langweilt er sich und die Perspektiven, die seine Arbeit bietet, können ihn kaum begeistern. Der Alltag seines Vaters, dessen kleines Laster darin besteht, sich abends neben seinem Pudel auf dem Sofa ein Feierabendbier zu gönnen, ist auch nicht viel erheiternder. Als Gregor, gespielt von Alexander Ebeert, eines Morgens nicht aufsteht, um zur Arbeit zu gehen, können seine Eltern und seine Schwester nicht verstehen, dass er sich nicht länger dazu aufraffen kann, die Langeweile eines konventionellen Lebens zu ertragen. Die Grenze zwischen Mensch und Parasit liegt irgendwo zwischen dem gesellschaftlichen Nutzen eines Berufs und der Selbstverleugnung: zwei Kennzeichen des modernen Menschen, der sich mit einem ruhigen Leben in vorgefertigten Bahnen ohne besondere Vorkommnisse abfindet.
Auch wenn er Kafkas Werk treu bleibt, nimmt sich Andreas Merz-Raykov die eine oder andere Freiheit der Aktualisierung heraus, was sich für Dramaturgie, Dialogführung und Inszenierung des Stücks als sinnvoll erweist. Burnout oder Boreout – der Parasit ist hier ein anderer, aber seine soziale Isolation ist dieselbe wie ein Jahrhundert zuvor, als Kafka „Die Verwandlung“ schrieb: In einer Welt, die mitten in der Finanzkrise steckt, ist kein Platz für einen untätigen Parasiten. Dieses Urteil schwebt Gregor das gesamte Stück über gleichermaßen lebhaft wie unausweichlich vor Augen. Drei verführerische, stepptanzende Käfer helfen ihm dabei, dieses unwürdige Schema F-Denken abzulegen: Vielleicht ist sein neues Leben ja gar nicht so erbärmlich.
Das Bühnenbild im kleinen Saal des Heimathafens, dem Studio, ist intelligent gemacht: Dank Drehbühne blickt man abwechselnd in Gregors Schlafzimmer oder in seine Küche. Beide Räume sind mit einem Fernseher ausgestattet, an den eine Kamera angeschlossen ist. Sie zeigt Gregors Seelenzustand, den er selbst nicht auszudrücken vermag. Beklemmenderweise kann der Zuschauer sich gut in Gregors Haut hineinversetzen, er kann sein Schweigen nachvollziehen, empfindet sein Leid mit und teilt zweifellos die Aversion gegen den Lebensentwurf des Vaters. An einer Stelle wird übrigens auf den „Brief an den Vater“ Bezug genommen, mit derselben ergreifenden Feinfühligkeit, in der er verfasst ist.
Abgesehen davon zeichnet sich das Stück durch bemerkenswerte Schauspieler wie Bärbel Bolle (Mutter) und Frank Büttner (Vater) aus, die seit „Zwei Krawatten“ von Georg Kaiser gut aufeinander eingespielt sind. Auch wertet der Pianist Felix Rüffel die Dynamik der Inszenierung musikalisch auf. Was sich schließlich besonders einprägt, ist Bärbel Bolles meisterhafte Darstellung von Gregors Mutter, die immer wieder skandiert: „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“.

Thibaut Martin (Übersetzung: Yasmine Salimi)

rbb Kurz-Check, 12. September 2013
Kurz-Check: "Der Käfer"-Kafka zu Gast bei Familie Flodder
Es ist ja oft vom versteckten Humor in den Texten von Franz Kafka die Rede. Bei der Umdeutung seiner "Verwandlung" im Heimathafen Neukölln kann von versteckt keine Rede mehr sein: Mit Hilfe von deftigem Trash wird hier der über Nacht zum Käfer mutierte Gregor Samsa zum Sozialschmarotzer. Am Mittwoch hat die grundsympathische Inszenierung Premiere gefeiert.
Das Thema: Die Geschichte aus Franz Kafkas "Die Verwandlung" wird ins Berlin der Gegenwart überführt. Gregor Samsa wacht auch hier eines morgens verwandelt auf. Allerdings ist seine Käferwerdung ein langsamerer Prozess - und wird von Gregor und den insektoiden Geistern, die ihn des Nachts heimsuchen, zur bewussten Entscheidung aufgewertet: Der stetig wachsende Turbokapitalismus macht für ihn die Verweigerung seiner Arbeitskraft und die lebensumarmende Hinwendung zum Schmarotzertum geradezu notwendig. Dumm nur, dass Mutter, Vater und Schwester darunter leiden müssen, dass er als alleiniger Ernährer der Familie nun ausfällt. Ganz ernst gemeint ist all das freilich nicht - aber als hübsch absurdes Gedankenexperiment funktioniert es. Und ganz am Ende des 90-minütigen Stücks hat dann doch Kafka das letzte Wort: wenn Gregor-Darsteller Alexander Ebeert die abschließenden Sätze der Erzählung rezitiert.
Die Inszenierung: Andreas Merz-Raykovs Inszenierung hat im Grunde fast alles, was an der Volksbühne einen echten Castorf-Abend ausmacht: die Umdeutung eines Stoffes aus der Weltliteratur, Live-Videoprojektion, eine Drehbühne und nicht zuletzt viel Geschrei. Nur wird hier deutlich prolliger geschrien - was sich ganz natürlich aus der wunderbar Familie-Flodder-haften Überzeichnung der vier Figuren ergibt. Die Drehbühne fällt natürlich im Studiotheater des Heimathafens um einiges kleiner aus als an der Volksbühne - und wird von den Darstellern selbst bewegt. Die Live-Projektionen landen nicht auf riesigen Leinwänden, sondern schlicht auf einem Schwarz-Weiß-Fernseher. Und die Umdeutung der Geschichte gerät um einiges volkstümlicher - im besten Sinn des Wortes. Dazu passt dann letztlich sogar ganz gut, dass sich der eine oder Texthänger bemerkbar macht und das Timing an manchen Stellen hinkt.
Die Darsteller: Alexander Ebeert als Gregor Samsa scheut sich nicht, die Möglichkeiten der Hässlichkeit auszuloten. Sascha Ö. Soydan als seine Schwester Grete bleibt ein wenig konfus. Umso deutlicher ist dafür Frank Büttner als übellaunig sich in sich selbst verkriechender, hier und da aber Wutfontänen spritzender Vater. Die eigentliche Attraktion des Abends aber ist Bärbel Bolle als schreiend wörterzerhackende, keifend über die Bühne trippelnde und schicksalsergeben greinende Mutter.
Das Bühnenbild: Die Drehbühne zeigt auf der Vorderseite die Küche der Familie Samsa, auf der Rückseite Gregors Jugendzimmer. Beide sind detailverliebt in vollendeter Scheußlichkeit ausgestattet - vom Plastikgeschirr in vier Farben bis zur Dino-Bettwäsche.
Die Publikumsreaktionen: Man wirkt sehr zufrieden. Für die Darsteller und den Regisseur samt Team gibt es herzlichen Applaus.
Der Spaßfaktor: Wer Spaß an gewitztem Trash hat, ist hier genau richtig. Ein handfester und vor allem grundsympathischer Theaterabend.

Fabian Wallmeier


Über das Projekt
„Arm aber sexy“ erklärte Berlins Regierender Bürgermeister 2003 und benannte damit indirekt das vermeintliche Lebensgefühl dieser Stadt. Und weil sich Neukölln in den letzten Jahren zu einem Szenebezirk gemausert hat, scheint es hier besonders sexy zu sein. Kein Wunder, es ist ja auch besonders arm. Aus dem Regionalen Sozialbericht Berlin und Brandenburg 2011 geht hervor, dass jeder dritte Einwohner Neuköllns von Sozialleistungen lebt. 22,5% der Bevölkerung sind „armutsgefährdet“. Damit ist Neukölln spitze in Berlin. Und in noch einer Statistik führt der Stadtteil das hauptstadtinterne Ranking an: dann nämlich, wenn es darum geht, wo die Einkommen der unter 65jährigen am krassesten abfallen gegenüber denen der Mitbürger im Rentenalter. Vielleicht liegt das ja daran, dass viele gar kein richtiges Einkommen haben.

Auch wenn die deutsche Wirtschaft derzeit über einen Mangel an Fachkräften klagt, gibt es in bestimmten Arbeitsbereichen ein riesiges Reservoir vorwiegend junger Anwärter, die versuchen sich über schlecht bezahlte Jobs und Praktika einen Zugang in die Arbeitswelt zu erkämpfen. Ihre Lage lässt sich leicht ausbeuten. Wer einsteigen will, arbeitet nicht für Geld, sondern um etwas zu lernen. Und wenn es darum geht seinen Idealismus zu beweisen, gehören Überstunden zum Standardprogramm. Zwar gibt das System vor, dass es möglich ist, sich durch gute Leistungen für eine höhere Position zu qualifizieren, aber angesichts des häufig zermürbenden Arbeitsalltages, stellt sich schon die Frage, ob es den Arbeitgebern tatsächlich immer darum geht, den eigenen Berufsnachwuchs auszubilden, oder ob es ihnen nicht einfach nur angenehm ist, von deren kostengünstiger Selbstausbeutung zu profitieren.

Wer Eingang in die Arbeitswelt finden will, steht in der Pflicht, sich zu beweisen. Wer sich beweisen muss, kann leicht ausgebeutet werden. Und wer in diesem System eine Chance haben will, muss gute Miene zum bösen Spiel machen. Es herrscht die Angst, durch das Raster zu fallen, wenn man den gestellten Anforderungen nicht genügt. Die Möglichkeit zu Scheitern ist immer präsent. Sie ist das Fundament dieses Ausbeutungssystems, da sie den Blick des Opfers immer auf sich selbst und das eigene Ungenügen lenkt, gegen das es anzukämpfen gilt, nie aber auf diejenigen, die von der Ausbeutung profitieren. Im Spagat einerseits immer mit den eigenen Ängsten konfrontiert zu sein und andererseits gleichzeitig unter der Notwendigkeit zu stehen, eben diese vor der Außenwelt zu verbergen, reiben sich die Prüflinge auf.

Franz Kafka entwirft mit Gregor Samsa eine literarische Figur, die der Angst zu Scheitern einen Körper verleiht. Die Verwandlung beschreibt einen gesellschaftlichen Leistungs- und Anpassungsimperativ, unter dessen Druck der Protagonist zusammenbricht. Gregor Samsa scheitert daran, den Anforderungen gegenüber seiner Familie und seinem Arbeitgeber gerecht werden zu müssen. Die Verwandlung in einen Käfer steht sinnbildlich für das Zurückgeworfensein der Hauptfigur auf die eigene Minderwertigkeit. Jedoch thematisiert Samsas Metamorphose nicht nur seine Handlungsunfähigkeit, sondern auch seinen Wunsch, sich aus den ihn unterdrückenden Verhältnissen zu befreien. Käfersein ist eine Verweigerungshaltung.

Unsere Bearbeitung von Kafkas Verwandlung im Studio des Heimathafens setzt sich spielerisch mit der Angst zu Scheitern und dem Wunsch nach einer Befreiung auseinander. Dabei wird die Erzählung in eine Neuköllner Einfamilienwohnung transferiert. Gestrandet bei den Eltern legt sich Gregor das Käferkostüm an und schließt sich in sein altes Kinderzimmer ein. Sein Rückzug ist erbärmliche Selbstabschaffung und Auflehnung zugleich. Nur hat seine Revolte leider überhaupt kein Drohpotential. Wer nicht mitmacht, ist eben einfach raus. Gregors Verhalten schwankt zwischen infantiler Renitenz und absolutem Duckmäusertum. Er sucht nach einer Absolution, das nicht mehr machen zu müssen, von dem er denkt, dass er es nicht kann, und stilisiert sich zur gleichen Zeit zum lebenden Beweis dafür, dass etwas faul ist in der Gesellschaft. Als Riesenkäfer sitzt er auf seinem Bett und liest Comics vom unglaublichen Hulk, übt sich in Selbstmitleidsposen und trägt seinem Papa auf dem Sofa Auszüge aus Kafkas Brief an den Vater vor.

Wie wehrt man sich gegen ein System, dessen wichtigste Unterdrückungsstrategie darin besteht, vorzugeben, dass es einen nicht braucht? Aus Angst vor einer perspektivlosen Zukunft stehen sie in Spanien und Griechenland bereits auf der Straße. Die Lage ist schlecht. Wenn man nichts in der Hand hat, hat man auch nichts, mit dem man drohen kann. Das Thema betrifft alle: Kreative, Manager, Bezieher von Sozialleistungen, Studenten, Migranten, Alleinerziehende, Alteingesessene und Neuzugezogene. Wer sich einen Platz in der Gesellschaft erarbeiten will, steht genauso in der Bringschuld, wie derjenige, der ihn nicht verlieren möchte – und getreten wird grundsätzlich nach unten. Neukölln ist nicht Madrid, aber vielleicht der Berliner Stadtbezirk, der am besten für den Kampf steht, sich hoch zu strampeln, und ebenso für das Phänomen, einfach aufzugeben.

Andreas Merz-Raykov