Die Mutter, Brecht
Театр на Таганке, Moskau, Russland

"Bitte, wie schreibt man eigentlich Ausbeutung?"

Brechts 1932 uraufgeführtes Lehrstück „Die Mutter“ beginnt wie ein kommunistisches Märchen. Im Versuch ihren Sohn vor drohender Gefahr zu schützen, übernimmt Pelagea Wlassowa aus Twer an seiner statt die Aufgabe, verbotene Flugblätter in der Fabrik des ausbeuterischen Industriellen Suchlinow zu verteilen. Voller Naivität begegnet sie der kommunistischen Arbeiterbewegung und deren Grundsätzen und beginnt zu verstehen, dass die Leute, die sie bis dahin als verbrecherische Bedrohung der Ordnung gesehen hatte, und von denen sie ihren Sohn unbedingt fern halten wollte, sich auf vernüftige Weise für die Interessen der hungernden Arbeiter einsetzen. Im Verlauf der Handlung entwickelt sich Pelagea Wlassowa zu einer Ikone der revolutionären Bewegung – und kommt darüber auch wieder ihrem Sohn näher, dessen Zuneigung sie zu Beginn des Stückes verloren zu haben schien. Es ist schließlich aber auch der Kampf für den Kommunismus, der ihr den Sohn für immer entreißt. Pawel wird während einer revolutionären Aktion in Finnland erschossen.

Brechts Stück endet mit dem Bild der Wlassowa, die heldenhaft, trotz aller persönlichen Verluste, einem Demonstrationszug als Speerspitze mit der roten Fahne voranschreitet. Und trotzdem wirft der Text Fragen auf: In welche Zukunft schreitet die Wlassowa da? Wird sich die Bewegung dem Opfer des Sohns als wert erweisen? Ist der Antrieb der Wlassowa noch immer die Liebe zu ihrem Sohn oder schon der Hass auf dessen Mörder? Kann ihr die Ideologie den geliebten Sohn ersetzen?

Wie auch die früheren Lehrstücke, stellt Brechts „Die Mutter“ Ideologie und individuelle Bedürfnisse gegeneinander. Dieses Spannungsfeld kann nicht nur dazu dienen, die Vergangenheit des revolutionären Russlands zu untersuchen, sondern weist als Fragestellung direkt in unsere Gegenwart.

Mit: Irina Lindt, Аleksandr Metelkin, Constantin Lubimov, Roman Staburov, Elizaveta Vysozkaja, Mikhail Lukin

Übersetzung: Ekaterina Raykova-Merz