Die Affäre Rue de Lourcine, Labiche
Норильский Заполярный театр драмы им. Вл. Маяковского, Norilsk, Russland

„Unmöglich. Ich kann mich nicht erinnern… Diese Lücke! Immer ist da diese Lücke!“

Eine durchzechte Nacht. Der Morgen danach. Filmriss. Noch immer im Griff des Alkohols, dafür aber ohne jegliche Erinnerung an die Geschehnisse der vergangenen Nacht erwacht der wohlhabende Bourgeois Lenglumé in seinem Bett. Wie ist er nur nach Hause gekommen? Und wer, zum Teufel, verbirgt sich da neben ihm schnarchend unter der Bettdecke? Hat er etwa jemanden abgeschleppt? Eine Frau? Einen Mann?! – Da ist eine Lücke in seinem Gedächtnis, die sich einfach nicht schließen will.

Eugène Labiche zeigt in seinem Albtraumschwank von 1857 spielerisch die schmutzigen Untiefen, die sich hinter einer sauberen, spießbürgerlichen Kulisse auftun können. Der fremde Mann im Bett entpuppt sich schnell als Lenglumés ehemaliger Schulfreund Mistingue. Doch die Freude des Wiedersehens währt nur kurz: Alles deutet darauf hin, dass sich die zwei im Rausch an einer jungen Kohlenschlepperin vergangen und ihr Opfer anschließend aufs Brutalste ermordet haben. Panisch versuchen die beiden Biedermänner, ihre kohlenschwarzen Hände reinzuwaschen und alle Spuren zu eliminieren, um ihre scheinbar weiße Weste zu bewahren. Mehr als das Leid ihres Opfers quält sie dabei die Sorge um ihre eigene Existenz.

Auf amüsante Weise zeigt uns Labiche die feinen Risse in der strahlend reinen bürgerliche Fassade und legt damit den Blick auf ein tiefsitzendes, existentielles Grauen frei: die Entdeckung der Fähigkeit zum Bösen in uns selbst, die Angst des Bürgers vor dem, zu was er vielleicht fähig ist. Im Kampf um die Vertuschung aller Indizien entwickeln sich die beiden Protagonisten genau zu den Monstren, die sie eigentlich verdrängen möchten, denn zur Aufrechterhaltung des schönen Scheins schrecken sie nicht einmal vor Mord und Totschlag zurück.

Eugène Labiches „Affäre der Rue de Lourcine“ ist eine Komödie über die vermeintliche Bestie in jedem uns, über Mordlust und asoziale Triebe und das Korsett bürgerlicher Moral, mit dem wir versuchen uns selbst in Zaum zu halten.

Mit:

Bühne: Femistokl Atmadzas
Kostüme: Olga Atmadzas
Übersetzung: Ekaterina Raykova-Merz